Spiegel Online - Interview mit dem Münchner Paartherapeuten Stefan Woinoff
SPIEGEL: Was ist das “archaische Beuteschema”?
Woinoff: Das sind die Kriterien, nach denen man sich einen Partner auswählt. Die sind bereits in der Steinzeit entstanden, prägen uns aber bis heute. Damals fielen die körperliche Größe und der Status des Mannes praktisch zusammen: Ein großer, starker Mann hatte einen hohen Status in der Sippe, und Frauen, die sich einen solchen “überlegenen” Mann angeln konnten, hatten bessere Chancen, ihre Kinder durchzubringen.
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SPIEGEL: In Ihrem Buch fordern Sie die Frauen auf, sich dieses Beuteschemas bewusst zu werden und es hinter sich zu lassen - es sei nämlich schuld daran, dass immer mehr Frauen keinen Partner finden.
Woinoff: So ist es. Wir haben heute 56 Prozent Abiturientinnen, und auch an der Universität sind die Studentinnen auf dem Vormarsch. Doch viele Frauen haben ein falsches Beuteschema: Wenn für die Hochqualifizierten weiterhin nur Männer in Frage kommen, die beruflich mindestens so erfolgreich sind wie sie, dann wird die Luft immer dünner.
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SPIEGEL: Das liegt natürlich nicht nur an den Frauen. Sie schreiben selbst, dass viele Männer einen Bogen um besser gebildete oder beruflich erfolgreichere Frauen machen. Stattdessen suchen sie mit steigendem Alter eher jüngere Partnerinnen, die zu ihnen aufschauen. Sollten nicht lieber die Männer ihr Beuteschema verändern?
Woinoff: Natürlich müssen auch die Männer lernen, neue Rollen zu akzeptieren, ohne die Angst, dass ihre Männlichkeit darunter leidet. Aber die Sichtweise vieler Frauen schürt ja diese Angst. In Interviews wurde ich auch schon gefragt: Wollen Sie denn, dass starke Frauen jetzt so ein Hausmännchen akzeptieren? Allein das Wort “Hausmännchen”! Daran erkennt man ja schon das archaische Beuteschema: Einen Mann, der zu Hause bleibt und den ich als Frau versorgen muss, den kann ich ja gar nicht achten.
Soso, es liegt natürlich wieder nur an uns Frauen. Die armen Männer können gar nichts dafür, die armen Opfer des archaischen Beuteschemas. Es geht auch anders:
SPIEGEL: Haben Sie selbst Ihr archaisches Beuteschema eigentlich schon überwunden?
Woinoff: Meine Frau ist zwar elf Jahre jünger als ich und war damals noch in der Ausbildung, aber sie hat von vornherein klargemacht, dass sie einen Partner will, der sich auch um die Kinder kümmert. Heute arbeiten wir beide etwa gleich viel: sie freiberuflich als Journalistin, ich drei Tage pro Woche in der Praxis. An zwei Werktagen bin ich mit unseren beiden Töchtern zu Hause. Die Vormittage im Supermarkt waren erst etwas seltsam, die sind unter der Woche ja eine männerfreie Zone. Aber daran gewöhnt man sich.
SPIEGEL: Sie fühlen sich nicht unmännlich?
Woinoff: Im Gegenteil. Das Kriterium der Männlichkeit ist sowieso nur ein kulturelles Konstrukt. Es hängt immer wieder davon ab, wie die Gesellschaft funktioniert. Vor dem Computer sitzen, Akten lesen und mit Menschen sprechen, was Männer in ihren Büros oder Praxen gemeinhin tun, erscheint mir jedenfalls nicht besonders männlich.
Geht doch!